So verbreitet ist Mobbing im Schulalltag

Beleidigungen im Gruppenchat, zunehmendes Mobbing und psychische Belastungen, fehlende Mitbestimmung: Zwei aktuelle Studien benennen wachsende Problme im deutschen Schulalltag

Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler zwischen 10 und 16 Jahren hat im Klassenchat bereits Inhalte gesehen, die ihn oder sie belastet oder unangenehm berührt haben. Das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag des WDR, für die mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche befragt wurden. 82 Prozent der Altersgruppe nutzen demnach mindestens einen Klassenchat, 92 Prozent davon über WhatsApp.

Zu den am häufigsten genannten belastenden Inhalten zählen Beleidigungen oder Bloßstellungen von Mitschülerinnen, Mitschülern oder Lehrkräften (69 Prozent), Gerüchte oder Lügen (54 Prozent) sowie Ausgrenzung oder Mobbing einer bestimmten Person (54 Prozent). 26 Prozent der Betroffenen stießen auf Videos oder Bilder von Gewalt oder Verletzungen. Die Umfrage zeigt auch persönliche Konsequenzen: Jeder Vierte hat sich wegen eines Posts im Klassenchat Sorgen gemacht, jeder Sechste hatte deswegen keine Lust mehr, in die Schule zu gehen. Jeder Sechste ist im Klassenchat zudem bereits selbst beleidigt oder gemobbt worden, jeder Fünfte hat sich dort ausgeschlossen gefühlt.

Strafbare Inhalte als juristisches Risiko

Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger weist gegenüber dem WDR auf ein juristisches Problem hin: Viele Nutzer hätten den automatischen Download von Bildern und Videos aktiviert. Bei Delikten wie kinder- oder jugendpornografischen Inhalten sei schon allein der Besitz strafbar, auch wenn die Inhalte ungewollt auf dem Gerät gelandet sind. Die Polizei müsse in solchen Fällen einem Anfangsverdacht nachgehen, selbst bei nicht strafmündigen Kindern. Rüdiger kritisiert zudem, dass Kinder und Jugendliche zwei Jahrzehnte lang im digitalen Raum alleingelassen worden seien und so konfrontiert wurden mit extremistischen, gewalttätigen und pornografischen Inhalten.

Knapp 30 Prozent werden mindestens monatlich gemobbt

In der ebenfalls im März veröffentlichten Deutschen Schulbarometer 2025/26 der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der Universität Leipzig wurden 1.507 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 17 Jahren sowie je ein Elternteil befragt. Ein zentrales Ergebnis: 30 Prozent der 11- bis 17-Jährigen geben an, im aktuellen Schuljahr mindestens einmal im Monat von Mitschülerinnen und Mitschülern schikaniert zu werden – durch Auslachen, Beschimpfungen, Drohungen oder absichtliche Ausgrenzung. Bei jeder und jedem Zehnten geschieht das wöchentlich oder täglich. Mobbing im direkten Kontakt tritt häufiger auf als Cybermobbing, oft kommen aber auch beide Formen kombiniert vor.

Psychische Belastung nimmt zu

Ein weiterer Befund des Schulbarometers: Bei rund einem Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen gibt es Hinweise auf eine erhöhte psychische Belastung – 15 Prozent werden als psychisch auffällig eingestuft, weitere 10 Prozent liegen im Grenzbereich. 2024 waren es zusammen noch 21 Prozent. Kinder mit psychischen Auffälligkeiten kommen besonders häufig auch auf ein geringes schulisches Wohlbefinden (43 Prozent). Soziale Herkunft spielt dabei eine erhebliche Rolle: Kinder aus Familien mit sehr niedrigem Einkommen weisen überdurchschnittlich häufig psychische Auffälligkeiten auf (31 Prozent) und berichten häufiger von geringem schulischen Wohlbefinden (29 Prozent).

Bildungsexpertin Anna Gronostaj von der Robert Bosch Stiftung bezeichnet den erneuten Anstieg als Warnsignal. Die Studie zeige aber auch, was helfe: Wenn Lehrkräfte unterstützen und fordern, ohne zu überfordern, und das Klassenklima stimmt, gehe es Kindern besser.

Große Kluft bei der Mitbestimmung

Das Schulbarometer deckt zudem eine deutliche Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei der schulischen Mitbestimmung auf. Je nach Bereich wünschen sich 64 bis 74 Prozent der Schülerinnen und Schüler mehr Einfluss – etwa auf Unterrichtsthemen, Unterrichtsmaterialien oder Prüfungsformate. Gleichzeitig geben bei Notengebung und Prüfungsterminen jeweils rund zwei Drittel an, hier überhaupt keine Mitbestimmungsmöglichkeit zu haben. Die Studie belegt einen klaren Zusammenhang: Wer mitentscheiden darf, fühlt sich in der Schule wohler. Demgegenüber hielten laut Spiegel in einer früheren Schulbarometer-Befragung von 2025 55 Prozent der Lehrkräfte die bestehenden Mitbestimmungsmöglichkeiten für ausreichend. Gronostaj leitet daraus Handlungsbedarf ab und fordert mehr Dialog zwischen Schülerschaft und Lehrkräften.

Quellen-Links:

WDR/Infratest dimap: „Inside Klassenchats"

Robert Bosch Stiftung/Universität Leipzig: Deutsches Schulbarometer 2025/26

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