Breites Bündnis fordert mehr Schulgesundheitsfachkräfte
Bauchschmerzen, Ängste, chronische Erkrankungen: Gesundheitsthemen gehören zum Schulalltag, aber eine feste fachkundige Ansprechperson dafür gibt es an den meisten Schulen nicht. Ein Bündnis aus Krankenkassen, Schüler- und Elternvertretung sowie Pflege will das ändern.
In Großbritannien, Dänemark, Schweden, Finnland oder Frankreich sind sie längst Teil des Schulalltags: Fachkräfte, die an Schulen gesundheitliche Fragen einschätzen, versorgen und beraten. In Deutschland existieren sie bislang vor allem in Modellprojekten und einzelnen Bundesländern. Ein Bündnis mehrerer Organisationen fordert nun, Schulgesundheitsfachkräfte bundesweit einzuführen. Das Memorandum „Eine starke Gesellschaft braucht gesunde Kinder – endlich Schulgesundheitsfachkräfte bundesweit etablieren!“ haben der BKK Dachverband, die Bundesschüler*innenkonferenz, der Bundeselternrat und der Deutsche Pflegerat unterzeichnet.
Zur Begründung führen die Verbände mehrere Kennzahlen zur gesundheitlichen Lage von Kindern und Jugendlichen an. Demnach ist jedes fünfte Kind durch psychische Auffälligkeiten belastet. Angststörungen nahmen den Angaben zufolge innerhalb von fünf Jahren um 17 Prozent zu, bei Mädchen um 23 Prozent. Exzessive Mediennutzung betrifft 25 Prozent, unter starkem Übergewicht leiden rund 15 Prozent. Ausreichend im Sinne der WHO-Empfehlung – mindestens eine Stunde täglich – bewegt sich demnach nur noch jedes vierte Kind; unter Jugendlichen trifft das auf jeden Siebten zu. Nach Daten des Robert Koch-Instituts sind 80 Prozent der übergewichtigen Jugendlichen auch als Erwachsene übergewichtig.
Die Schule sei der zentrale Ort für Gegenmaßnahmen, da dort alle Kinder unabhängig vom sozialen Status erreicht würden, so die Initiatoren. Das Aufgabenprofil der Fachkräfte umfasst dem Memorandum zufolge vier Bereiche: Sie sollen als Vertrauenspersonen altersgerecht über Ernährung, Bewegung und Medien informieren, als Präventionslotsen gesundheitliche Probleme früher erkennen und Maßnahmen einleiten, als erste Anlaufstelle akute Beschwerden einschätzen, versorgen und bei Bedarf weitervermitteln sowie Kinder mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus begleiten.
Daraus, so das Bündnis, würden auch Entlastungseffekte resultieren: weniger unnötige Arztkontakte und Rettungseinsätze sowie eine schnellere Rückkehr von Schülerinnen und Schülern in den Unterricht. Davon würden Eltern, Lehrkräfte und das Gesundheitssystem profitieren.
Konkret schlägt das Papier drei Schritte vor. Erstens sollen Bund und Länder einen „Schulgesundheitspakt“ verabschieden mit dem Ziel, bis zu 10.000 Stellen zu schaffen. Damit ließen sich nach Berechnung der Verbände 6,5 Millionen Schülerinnen und Schüler erreichen – über 70 Prozent aller Lernenden an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland. Zweitens sollen die Länder ihre Gesetze zum öffentlichen Gesundheitsdienst und ihre Schulgesetze anpassen, um Aufgaben und Finanzierung verbindlich zu regeln. Drittens fordern die Unterzeichnenden bundeseinheitliche Vorgaben zu Qualifikation und Tätigkeitsprofil sowie geklärte Schnittstellen und eine langfristige Finanzierung zwischen den Leistungsträgern.
Die Verbände verweisen darauf, dass die Wirksamkeit in deutschen Modellprojekten bereits nachgewiesen und in einzelnen Bundesländern verstetigt worden sei; es bestehe daher kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.
Die Übergabe des Memorandums und des Aktionsplans an Bundesgesundheitsministerin Nina Warken ist nach Angaben des Verbands für Herbst 2026 geplant. Zu den bisherigen Unterstützern zählen unter anderem die Ärztekammer Berlin, die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin sowie die Initiative "Mutmachleute".
red